Vertical Farming steht vor dem Durchbruch

Ruthner-TurmIn absehbarer Zeit wird die konventionelle Landwirtschaft überflüssig sein. Statt auf dem Land werden die Pflanzen in den Städten (vertikal) wachsen. Das Vertical Farming steht kurz vor dem Durchbruch, meint der Biologe Dickson Despommier. Doch schon in den 1950er Jahren entwickelte der österreichische Visionär Othmar Ruthner ein Turmgewächshaus, über das sogar einst die New York Times berichtete.Die Vorteile in der Stadt Lebensmittel zu produzieren, liegen für Dickson Despommier vor allem in der Energieersparnis. „Die Lebensmittel sind frisch, man muss sie nicht transportieren und lagern“, erklärt er im Interview für die Tageszeitung „Der Standard„. „Außerdem steckt die konventionelle Landwirtschaft in der Krise“. Und überall dort, wo es der Landwirtschaft am schlechtesten gehe, werde Indoor-Farming betrieben, so Despommier.

Vom Indoor-Farming war auch der Maschinenbauer Othmar Ruthner Mitte der 1950er Jahre überzeugt. „In etlichen Dezennien wird niemand mehr begreifen, welch ungeheurer Platz- und Arbeitsverschwendung sich die Landwirtschaft noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts schuldig machte“, so Ruthner (zitiert aus den Blättern des Wiener Neustädter Denkmalschutzvereins, Folge 3-4/2016; Beitrag von Werner Sulzgruber).

Ruthner überlegte sich, auf einer geringen Grundfläche eine möglichst große Nutzfläche zu gewinnen. Das Ergebnis war ein gläsernes 41 Meter hohes Turmgewächshaus, in dem eine Art Aufzug permanent die Pflanzen von unten nach oben transportierte, um ihnen gleiche klimatische Bedingungen zu bieten.

Ruthner-TurmRuthner Turm: eine „Energieschleuder“

Doch im Gegensatz zu heutigen Vertical Farming-Projekten war der Ruthner-Turm eine „Energieschleuder“. Zum einen fraß das Aufzugssystem eine Menge an Energie, zum anderen war ein Ventilator notwendig, um die warme Luft des oberen Bereichs nach unten zu befördern.

Nichtsdestotrotz waren die Primeln und Alpenveilchen, produziert im gläsernen Wunderwerk Ruthners auf dem Gelände der WIG 1964 (Wiener Internationale Gartenschau), der mediale Renner. In- und ausländische Medien riefen die Ära der landwirtschaftlichen Automation aus und ein geeignetes Werkzeug schien gefunden, um eine „Menschheit ohne Hunger“ zu gestalten. Die anfangs maximalen Ernte-Erträge, die im Ruthner-Turm erzielt wurden, weckten darüber hinaus Hoffnung.

Doch der Siegeszug des visionären Gewächshauses war nur von kurzer Dauer. Hohe Errichtungs- und Energiekosten brachten ein jähes Ende. Von den insgesamt 15 Turmvarianten, die in ganz Europa gebaut wurden, steht nur noch jener am ehemaligen WIG-Gelände.

Die „Wiener-Neustädter-Turm-Blumen“

Auch in Wiener Neustadt stand ein Ruthner-Turm, der bis 2016 noch in Betrieb war. Er musste jedoch einem Hotel-Projekt weichen und wurde 2017 abgebaut. Der lokalen Initiative des Wiener Neustädter Denkmalschutzvereins gelang es nicht, den Turm an seinem ursprünglichen Standort zu erhalten.

Derzeit wird er in Teilen gelagert und soll neu aufgebaut werden. Der Historiker Werner Sulzgruber vom Forschungs- und Vermittlungsprojekt TOWN freut sich, dass die Stadtgemeinde Wiener Neustadt als Eigentümerin des Ruthner-Turms diesen wiederaufbauen möchte, doch „ein passender Ort muss dafür wohl überlegt sein.“

Er wünscht sich eine Einbindung in ein Vertical Farming-Projekt. Und auch Vermarktungsstrategien gibt es: Die „Wiener-Neustädter-Turm-Blumen“ könnten im Ruthner-Turm produziert und etwas höherpreisig verkauft werden. Oder der Turm könnte als Sightseeing-Point positioniert werden und einen Kontext zur alternativen Landwirtschaft herstellen.

Noch ist also die Geschichte des ersten großen Vertical Farming-Projektes in Österreich nicht fertiggeschrieben. Vermehrte Initiativen und Projekte hierzulande, beispielsweise vom Vertical Farm Institute zeigen, dass diese Form der städtischen Landwirtschaft eine Zukunft hat. Gerade im Hinblick auf die Auswirkungen des Klimawandels werden mit Indoor-Farming Räume geschaffen, die unabhängig von Wetterkapriolen bleiben.

Foto (1): Plenty
Foto (2): Brigitte Kranner 
Fotos (3-X): Werner Sulzgruber

über_Land

Der Blog über_Land beschäftigt sich mit innovativer Landwirtschaft in der Stadt und auf dem Land. Themen wie Urban Farming, Vertical Farming, Aquaponic stehen genauso im Vordergrund wie innovative Landwirte, die mit ihren Betrieben neue Wege der Lebensmittelproduktion einschlagen. Der Blog ist seit 2011 online. Gründerin und Herausgeberin ist Barbara Kanzian. Erfahren Sie mehr über sie auf ihrer Unternehmens-Website.

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