Ein Beschützer von Karst, Pflanzen und Tieren

2.ueberlandDer Landwirt Paolo Samsa betreibt seinen Bio-Hof innerhalb eines Naturparks im italienischen Karst. Es ist eine beeindruckende Landschaft mit einer unglaublichen Vielfalt von rund 1800 verschiedenen Pflanzen. Samsa, dessen Urgroßvater noch ein Wanderhirte war, lebt hier mit seiner Familie ein energieautarkes Leben. Seine Gäste erfreuen sich vor allem an Samsas seltenen Nutzieren, die den Karst beleben und ihn zu etwas Einmaligem machen. Ihr Urgroßvater Franz war noch Wanderhirte und begleitete seine Herde vom heutigen slowenischen Karst in den italienischen. Auch Sie arbeiten als Hirte. Was bedeutet Ihnen diese Arbeit?

Paolo Samsa: Im Gegensatz zum Urgroßvater sind wir heute sesshaft. Unsere Schafe, Rinder und Esel teilen sich eine Weidefläche von fast 100 Hektar, die direkt hinter unserem Agriturismo beginnt. Die Weidefläche ist in sieben Sektoren unterteilt, wie eine Orange in Spalten. Wenn Kinder und Eltern in unserem Agribus unterwegs sind, erklären wir ihnen das so. Nach dem Prinzip des Weideplatzwechsels werden 6 der 7 Sektoren von den Tieren im Frühjahr, Sommer und Herbst nach einander abgegrast. Im 7. Sektor mehren sich in dieser Zeit – wie in einer Vorratskammer – saftiges Gras, Sträucher und nahrhafte Kräuter. Rinder und Esel überwintern dort, die Schafe nutzen im Winter alle sieben Sektoren.

Was bringt das?

Paolo Samsa: Es geht hier um „besondere Schutzräume“. Wir können auf diese Art zusammen mit unseren Tieren den Karst und all seine Artenvielfalt erhalten. Dieses Prinzip wird auch von der EU im „Natura 2000“-Projekt beschrieben.

Sie sind auch an einem Projekt der Universität Udine zur Erhaltung alter Nutztierrassen beteiligt. Welche Rassen leben auf Ihrem Hof?

5.ueberlandPaolo Samsa: Das Karstschaf, die Friulanische Rotgescheckte und der Esel „dell‘ amiata“ (der Amiata ist ein Berg in der Toskana). Den Karst kann man nur mit Grasfressern und Wiederkäuern bewirtschaften. Und nur mit solchen, die mit dem Menschen zusammenleben können. Wenn wir Rehe halten würden, würden diese flüchten, sobald wir die Weide mit Fremden betreten. Gar nicht auszudenken mit dem Agribus.

Ihre Tiere leben das ganze Jahr über im Freien. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Paolo Samsa: Die Tiere werden und bleiben sehr stark, wenn sie im Freien leben. Kühe, die im Stall leben, brauchen immer wieder Antibiotika. Unser Register, in dem wir die benötigten Antibiotika verzeichnen, ist seit Jahren leer. Unsere Kühe werden 13 bis 14 3.ueberlandJahre alt und bleiben bis in dieses Alter fruchtbar. Giuditta ist 13 Jahre alt und hat dieses Jahr gekalbt. Auch die Hufe der Tiere sind außergewöhnlich stark, denn sie werden vom Karstgestein abgewetzt.

Wie viel Fläche benötigen die Tiere?

Paolo Samsa: Es muss ein Gleichgewicht zwischen der Weidefläche und der Anzahl der Tiere herrschen. Bei uns lebt pro 2 ha Land eine Großvieheinheit (eine Kuh ist eine Großvieheinheit; 7 Schafe zusammen sind auch eine Großvieheinheit). Dieses Gleichgewicht haben wir einerseits mit Hilfe der wissenschaftlichen Berechnungen der Universität und andererseits durch unsere eigene jahrelange Praxis erlangt.

Der ehemalige Kuhstall wurde mittlerweile in Ferienwohnungen umgebaut und wurde auch zu einem Energieträger. Deckt die Photovoltaikanlage am Dach Ihren Energieverbrauch?

Paolo Samsa: Ja, sie deckt unseren Verbrauch und auch mehr: Sie produziert 54.000 kW/h pro Jahr, unser Eigenverbrauch beläuft sich auf 13.000 kW/h, 41.000 verkaufen wir und 13.000 kaufen wir wieder zurück (also unseren Eigenverbrauch), da die Anlage zum Beispiel nachts nicht produziert.

Sie sind der erste mit Ecolabel zertifizierte Betrieb Friaul-Julisch Venetiens. Was bedeutet das im konkreten?

Paolo Samsa: Wir wollten konsequent sein. Unser landwirtschaftlicher Betrieb war schon lange als „biologisch“ zertifiziert. Der Agriturismo (die Ferienwohnungen) und der Campingplatz waren offiziell keinen strengen ökologischen Regeln unterworfen. Das 4.ueberlandEcolabel – mit dem jetzt beides zertifiziert ist – hat uns die Möglichkeit gegeben, Prozesse einzuführen, die die Weiterführung unseres bis dahin eingeschlagenen Weges darstellen. Zum Beispiel muss für das Ecolabel ein Teil der Energie für die Ferienwohnungen aus erneuerbaren Energiequellen kommen. Das Waschmittel – natürlich auch Ecolabel-zertifiziert – zum Waschen der Bettwäsche unserer Gäste, muss in ein Register eingetragen werden. In den Toiletten des Campingplatzes nehmen wir Ecolabel-Papier, das Blatt für Blatt entnommen werden kann. Früher haben wir Papierrollen gehabt, die oft als Papierknäuel am Boden geendet haben. Außerdem finden unsere Gäste im Badezimmer die Bitte, Wasser zu sparen und vieles mehr. Auf diese Weise können wir auch das unsrige zur Umweltbildung beitragen.

Ihr Bio-Bauernhof liegt inmitten eines Naturschutzgebietes. Was müssen Sie als Landwirt dabei berücksichtigen?

1.ueberlandPaolo Samsa: Wir leben inmitten des Karst, der zu den Natura 2000-Schutzgebieten gehört. Unser Biobauernhof liegt genau in einer diesen Schutzzonen des Karst und unsere Familie befolgt die Richtlinien für den Schutz der biologischen Vielfalt durch die Weidelandwirtschaft und die biologische Landwirtschaft. In den Bestimmungen der EU zu „Natura 2000“ ist auch die Rolle des Bauern als „sostenitore“ (Erhalter) beschrieben.

Wie kann man hier als Bauer überleben?

Paolo Samsa: Die Zeit, in der ein Bauer nur von der Milchwirtschaft leben konnte, ist schon lange vorbei. Unsere 4 Säulen sind:

• selbsthergestellte Produkte: Der Verkauf dieser stellt einen sehr kleinen Bereich unseres Tätigkeitsfeldes und unserer Einnahmen dar.

• Bewirtung: Auf Voranmeldung kann man bei uns am Wochenende in der warmen Jahreszeit mittags essen. Vor allem für Feste wie Taufen und Erstkommunionen sind wir sehr beliebt. Seit April dieses Jahres können die Gäste unserer Ferienwohnungen auch mit Halbpension buchen.

• Unsere Ferienwohnung und unser Campingplatz

• Didaktik: Zu uns kommen viele Schulen, um die Tiere und den Karst kennenzulernen und den ganzen Sommer über bieten wir Ferienkurse an. Bisher nur für italienischsprachige Kinder.

So vielfältig Ihre Landschaft – Sie haben den Karst, die Weiden, das Meer in unmittelbarer Nähe – so vielfältig sind auch Ihre Produkte. Was machen Sie alles selbst?

Paolo Samsa: Wie verkaufen Honig, manchmal Marmelade, Würste, Kalbfleisch und wir machen im kleinen Rahmen mit den Kindern, die zu uns kommen, Filzobjekte aus der Wolle unserer Schafe.

7.ueberlandIch nehme an, dass Ihre Gäste vorwiegend aus Städten kommen. Haben Sie den Eindruck, dass Ihre Gäste nach einem Urlaub bei Ihnen, ein anderes, neues Bild von Bauern, Landleben, Natur und Tiere gewonnen haben?

Paolo Samsa: Der Großteil unserer Gäste kommt sicher aus der Stadt, auch wenn es uns sehr freut, dass demnächst eine österreichische Familie zu uns kommt, die selbst einen Biobauernhof hat. Ein neues Bild gewinnen die Gäste nur, wenn sie donnerstags den Spaziergang mit mir über die Weiden machen!

Danke für das Interview!

Info: Natura 2000 ist ein Netz von Schutzgebieten, mit dem die EU ihre Mitgliedsstaaten verpflichtet, sich um die natürlichen und halb-natürlichen (Weideland, Nutzwälder) Lebensräume (Habitat) ihrer gefährdeten Pflanzen- und Tierarten zu kümmern.

Alle Fotos: © Alture di Polazzo

Tweet about this on Twitter0Share on Google+0Share on Facebook0

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>