Eine Winzerin, ein Liter Wein und jede Menge Wien

Winzerin Jutta KalchbrennerWien ist eine Kulturmetropole und eine Weinanbaustadt mit Format. Auf einer Fläche von rund 600 Hektar gedeihen innerhalb der Stadt vorwiegend grüne Trauben. Der gemischte Satz gilt hier als regionale Besonderheit, der sich auch Winzerin Jutta Kalchbrenner verschrieben hat. Jutta Kalchbrenner wohnt und arbeitet in der Stadt. Das ist nichts Außergewöhnliches, außer man ist – so wie Jutta Kalchbrenner – Landwirtin. Im speziellen Winzerin. Und das ist sie seit beinahe zehn Jahren. Mit Leidenschaft. Davor arbeitete sie in der Werbung. Am Wochenende fuhr sie aber immer zu ihrer Mutter auf’s Land, um den Gemüsegarten auf Vordermann zu bringen.

„Ich wollte was Sinnvolles mit meinen Händen machen“, erzählt die sympathische Stadt-Winzerin. Erste Erfahrungen auf einem burgenländischen Weingut bestärkten sie, in den Weinbau zu gehen. Die Suche nach geeigneten Weinbergen in Wien begann. Zu dieser Zeit gab es noch viele alte Weinberge, um die sich niemand kümmerte. „Zuerst fragte ich bei der Stadt Wien nach. Sie hat mir allerdings nur einen unattraktiven Nordhang angeboten.“ Jutta Kalchbrenner (vormals Ambrositsch, das ist auch der Name ihres Weingutes) wollte aber gleich ein Ergebnis, nicht erst nach drei Jahren die ersten Trauben lesen.

Der Start mit zwölf Reihen Riesling

3Winzerin Jutta KalchbrennerUnd dann kam Ferdinand Hengl ins Spiel. Der ehemalige Obmann des Grinzinger Weinbauverbandes kannte jeden, der mit Wein zu tun hatte und wusste, wann jemand aufhört oder in Pension geht. Nachdem Kalchbrenner ihn an drei Abenden hintereinander anrief, sagte er ihr: „So, Du kriegst von mir einen Weingarten“. Zwölf Reihen Riesling am Reisenberg waren Juttas Beginn.

Anfangs hat sie die Weissweinstöcke so wie die Rotweinstöcke behandelt mit dem Ergebnis, dass sehr konzentrierte Weissweine entstanden. Sie entschloss sich, Praktika bei Weinbauern zu machen; eines führte sie zum burgenländischen Winzer Uwe Schiefer, der ihr viel Wissen vermittelte. Ein weiteres Praktikum brachte sie zu Winzer Hans Nittnaus. Dort ist Kalchbrenner mit dem ungarischen Arbeitstrupp hinaus in die Weingärten gezogen: „Verstanden habe ich zwar nichts, aber das Ungarisch klang wie Musik in meinen Ohren“. Beim gemeinsamen Mittagessen, dass Nittnaus Mutter täglich kochte, konnte Jutta alles fragen, was sie am Vormittag nicht verstand. „Nittnaus hatte eine Engelsgeduld mit mir“ und gab ihr viel Know-how weiter.

7Neben ihren Weingärten führt Jutta Kalchbrenner auch eine Buschenschank – in Residence. Idee dabei ist es, einen alten Heurigen wieder neu zu entdecken und ihm kurz- oder längerfristig mit Leben zu erfüllen. „Der Heurige als Städte-kultureller Auftrag sozusagen.“ Sie hat ihren echten, unverfälschten Heurigen in Grinzing gefunden. Neben gemischtem Satz, Riesling und grünem Veltliner werden feine Spezialitäten (z. B. Ziegen- und Wasserbüffelkäse aus dem Haus Robert Paget) angeboten. „Mir ist es wichtig, dass die Lebensmittel von Landwirten kommen, die ihre Tiere gut behandeln. Und anders als in konventionellen Buschenschanken holen sich die Gäste ihren Wein bei der Theke, während die Speisen serviert werden. „Mein Mann und ich erzählen was zum Wein. So entsteht ein Bild und der Gast bekommt einen anderen Zugang zum Produkt“.4

Bedächtige und leidenschaftliche Winzerin

Ihr Wein ist ein typischer Wiener Wein. „Klein und unbedeutend ist meine Marke, dafür steht sie“ und Menschen begeistern sich dafür . Sonst würde sich Kalchbrenner die ganze Arbeit nicht antun. Das Wein-Machen ist für sie eine Leidenschaft: Das beginnt schon mit5 dem Rebschnitt, „es ist zwar kalt, aber so schön. Es ist eine sehr bedächtige Arbeit: Bei der klirrenden Kälte kann man den Kopf auslüften. Man wird ruhig und klar dabei.“

Die Natur hat ihre eigene Gesetzmäßigkeit und Kalchbrenner musste anfangs erst lernen sich ihr unterzuordnen. „Es war für mich eine Herausforderung von meinem gestaltenden Beruf wegzukommen. Ich musste beginnen, der Natur zu vertrauen“, ein Prozess, der bestimmt zwei Jahre lang dauerte. Seit Jutta Kalchbrenner in der Landwirtschaft arbeitet, ist die vormals Konfessionslose wieder der Kirche beigetreten. „Es gibt was Größeres, das ist klar. Und wenn es uns gutgeht, wollen wir uns bedanken“. So werden in ihrem Weingarten die Triebe geweiht und in die Reben gesteckt. Seit zwei Jahren gab es bei ihr keinen Hagel mehr, aber „ich bin auch ein wenig abergläubisch“, meint sie augenzwinkernd.

Die Wiener Stadtbäuerin pflegt und hegt ihre Nische, die keine gefälligen Weine duldet. Ob sie in der Zukunft nur mehr in Wien tätig sein wird, steht in den Sternen. Sie liebäugelt auch ein wenig mit dem Land: „Einen guten Wein kann man da und dort machen.“ Hauptsache ist doch, man erhält weiterhin Ambrositsch Weine in Wien.2

Tipp:

Die nächste Buschenschank in Residence findet von 14. bis 17. November 2013, zum Guten Grinzing, Himmelstraße 7, 1190 Wien statt.

Netz-Tipps:

  • Jutta Kalchbrenner ist mit ihren Weinen „Jutta Ambrositsch“ grafisch auch sehr gelungen im Netz vertreten.
  • Frauen können nicht unbedingt besser Triebe schneiden als ihre männlichen Kollegen. Frauen können die Beeren auch genauso schlecht vor Krankheit schützen. Aber wenn Frauen Wein machen, dann kommt einer dabei raus, den viele Männer gerne machen würden. Warum das so ist, erfährt man auf 11 Frauen und ihre Weine.

 Alle Fotos: © Barbara Kanzian

 

 

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