Glück bedeutet ein Stück Acker

Ramona ist eine Stadtbäuerin. Auf ihrer Selbsternteparzelle nahe der Wiener Stadtgrenze pflanzt und erntet sie frisches Gemüse und Obst. Dabei kann sie nicht nur ihre Liebe zur Natur ausleben, sondern sie genießt auch ein Gefühl der Unabhängigkeit.

Normalerweise fährt Ramona immer öffentlich zu ihrem Stück Acker. 45 Minuten braucht sie für eine Strecke, ergibt also insgesamt stattliche 90 Minuten, um vom Stadtzentrum hierher nach Süßenbrunn zu kommen und retour. Heute hat sie Mitleid mit mir und meinem schweren Gepäck bestehend aus Fotoausrüstung. Also fahren wir mit meinem Auto Richtung Süßenbrunn, einer typischen Vororte-Gegend von Wien. Unter die gepflegten Einfamilienhäuser mischen sich zahlreiche neu gebaute verdichtete Wohngebäude, die vor allem von Jungfamilien mit Kindern bewohnt werden. Viele dieser Zugezogenen haben die Großstadt hinter sich gelassen, damit ihre Kinder im Grünen spielen können. Rund um die Wohnge-genden haben sich die riesigen Shopping-Centers nieder-gelassen. Daneben laden die weiten unbebauten Flächen zum Gärtnern ein.

Auf eine dieser Flächen hat sich Ramona ihr Stück Acker gemietet: Die Selbsternteparzelle ist ca. 40 Quadratmeter groß. 115 Euro bezahlt sie dafür im Jahr „Ganz schön viel“, sag’ ich, „um diesen Preis muss Deine Ernte reichlich ausfallen“. „Nein, nein“, wehrt sie ab, „so kann man das nicht rechnen“. Und sie erzählt mir, wie glücklich es sie macht, frisches Gemüse zu ernten und es anschließend selbst zu verarbeiten. Ein besonders schöner Moment war für sie die Zucchiniernte: „Ich kann mich noch erinnern, dass ich ganz aufgeregt war und es nicht erwarten konnte nach Hause zu kommen, um das Gemüse zu verkochen“. In diesem Sommer hat sie zum ersten Mal kein Gemüse im Supermarkt gekauft. „ich hatte das Gefühl unabhängig zu sein“.

Irgendwann hat Ramona die eigene Zucchiniernte beinahe erschlagen: „Es war soviel auf einmal, dass ich gar nicht wusste, wie ich das alles verarbeiten sollte.“ Sie begann das Gemüse an Freunde und Bekannte zu verschenken, die sich auch tadellos als Erntehelfer einsetzen ließen.

Teil der Ernte an den Gnadenhof

Ramonas ursprüngliche Idee, warum sie dieses Stück Acker mietete, fußt auf Vierbeiner. Sie betreut auf einem Gnadenhof nahe von Wien zwei Esel-Damen, die für ihr Leben gern Karotten fressen. Auch die anderen zahlreichen Pferde vom Hof werden großzügig von Ramona mit dem orangen-farbenen Gemüse verwöhnt. So entstand der Wunsch, eigene Karotten anzubauen. Sie durchforstete das Internet, stieß auf Gemüsekisterl und Urban Gardening-Projekte. Dann landete sie bei den Selbsternte-parzellen, die sie für ihr Vorhaben überzeugten.

Im April dieses Jahres war es dann soweit. Noch bevor sie das Stück Acker übernahm, pflanzte der Bauer verschiedenste Gemüse- und Kräutersorten darauf an. Ramona als Ackerneuling machte ihre ersten Erfahrungen am Feld. „Ich habe die Radieschen-Ernte übersehen, weil ich nicht wusste, wann das Gemüse reif für die Ernte ist,“ erzählt sie. In Internet-Foren holt sie sich Tipps, sie studiert Anbaupläne. Ramona erhebt nicht den Anspruch, alles perfekt machen zu müssen, erlebt ihren Acker als Spielwiese, auf der sie auch ausprobieren darf. Die national sowie international tätige Visagistin und entdeckungsfreudige Kunststudentin hat aber eine klare Vorstellung: Sie möchte ihre Parzelle so natürlich wie möglich halten. „Da darf schon anderes Kraut (Unkraut) drauf wachsen, es soll halt nicht überhand nehmen.“

Zur reichen Ernte hat Ramona ihre Freunde eingeladen. Sie wollte mit ihnen das Gefühl der Unabhängigkeit teilen und ihnen ihre Liebe zur Natur näher bringen. „Ich habe es genossen mit meinen Freunden einen Ausflug zur Parzelle zu machen, zu arbeiten und gemeinsam zu ernten. Das macht die Freundschaft um eine Facette reicher.“ Das anschließende gemeinsame Verkochen war das Highlight ihres Gartenjahres. Bald wird sie öfters in diesen Genuss kommen. Ihren Freunden hat es nämlich so gut auf ihrer Parzelle gefallen, dass sie sich diese mit Ramona im nächsten Jahr teilen werden.

Photos (1, 2, 5): Barbara Kanzian, Photos (3, 4): Ramona

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5 thoughts on “Glück bedeutet ein Stück Acker

  • 12. September 2012 um 14:14
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    liebe ramona, so schoen, dich hier zu sehen, der artikel ist so wunderbar geschrieben und die fotos so gelungen! mein martin hat sich 2009 in malmoe einen acker angemietet (100 m2) und es hat ihm sehr gut gefallen. vielleicht machen wir es dir nach, wir wohnen seit 1.5 jahren auch in wien. liebe gruesse, sigi xxx

    Antwort
  • 12. September 2012 um 17:04
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    Ich bin begeistert, wie Ramona ihre zahlreichen Leidenschaften verbindet!

    Am Acker vereint sie ihre Freunde, Kunst und Gestaltung, Tierfreundschaft, pestizidfreie Ernährung und soziale Vorbildwirkung mit ihrem Interesse an der Natur.

    Besonders sympathisch finde ich, dass sie auch dem „Unkraut“ Raum lässt, weil ich das als Metapher auf eine freundliche Einstellung zur Welt verstehe.

    Liebe Ramona, grüner Daumen hoch!

    Und Danke der Autorin für den netten Bericht

    herzlichst W.M

    Antwort
  • 12. September 2012 um 17:30
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    Liebe Mona, es ist wirklich schön, dich hier so glücklich und zufrieden auf deinem Acker zu sehen. Du kannst sicher sein, im nächsten Jahr werden wir dir bei der Ernte, Verarbeitung und Verkostung helfen. Auch deine beiden grauen Gesellen werden wir besuchen. Du bist wirklich ein tüchtiges „Mädel“. Gratulation und Liebe Grüße aus
    Graz, Heidi und Abbas

    Antwort
  • 14. September 2012 um 13:56
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    Hey!!!!

    Voll der liebe Artikel und super schöne Fotos :-)))))

    Antwort
    • 16. September 2012 um 18:37
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      Danke für das Lob, die Autorin.

      Antwort

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