Was Bauern und Städter zusammenhält

photocase:Miss XWenn Bauern und Städter zusammenarbeiten, dann kommt was Gutes raus: Am konkreten Projekt „Genussgemeinschaft Städter und Bauern“ wird deutlich, dass klein strukturierte landwirtschaftliche Betriebe, die direkte Kundenbeziehungen pflegen, sehr wohl bestehen können. Auch in Deutschland, wo es immer weniger kleine Strukturen gibt. 

Meistens ist es der schnöde Mammon, der viele Bauern zum Aufgeben zwingt. Mit der landläufigen Meinung, „kleine Betriebe seien nicht überlebensfähig“ gibt’s keinen Zugang zum Geld und die Landwirtschaft wird als Risiko abgestempelt.

In Deutschland sind es allein mehr als 600 Biobauern, die jährlich aufgeben, so die Ergebnisse einer aktuellen Studie des Von-Thünen-Instituts. Obwohl die Nachfrage an Bioprodukten stetig wächst und immer mehr Kunden zu Bio-Lebensmitteln greifen. Laut Bund Ökologischer Landwirtschaft (BÖLW) habe das Handelsvolumen an Bioprodukten in den letzten vier Jahren um 21 Prozent zugelegt.

Die Gründe für das Aufgeben liegen in der fehlenden Wirtschaftlichkeit oder in den Vorgaben der Ökorichtlinie, die gerade für kleine Betriebe schwerer umzusetzen sind. Auch der Status des Einzelkämpfers oder zu geringe Erfolge in der Direktvermarktung bereiten den Biobauern Probleme.

Dass es aber durchaus gute Chancen für kleine Betriebe gibt, ihre qualitätsvollen Lebensmitteln zu produzieren und mit einem fairen Preis zu verkaufen, verdeutlicht das ueberland.2.genussgemeinschaftSlow-Food-Projekt „Genussgemeinschaft Städter und Bauern“ in München und Umgebung. Der Städter wird dabei zum Koproduzenten und investiert sein Geld in die regionale Wertschöpfung. Wir sprachen mit der Investorin und Organisatorin dieses Slow-Food-Projektes, Marlene Hinterwinkler.

Wie viele Städter sind bei Eurer Genussgemeinschaft bereits dabei?

Marlene Hinterwinkler: In unserem NewsLetter haben wir jetzt 350 Leute registriert. Das ist nur München und Umgebung. In den Einkaufsgemeinschaften haben wir 50 regelmäßige Besteller jeden Monat.

Der Städter übernimmt bei Eurer Form der Gemeinschaft Verantwortung gegenüber dem Produzenten, der Produzent hat Verantwortung gegenüber dem Städter, in dem er qualitätsvolle Lebensmittel produziert. Wird diese gegenseitige Verantwortung von beiden Teilen wahrgenommen? Und auch wertgeschätzt?

Marlene Hinterwinkler: Unsere an den Einkaufsgemeinschaften beteiligten Städter wertschätzen das Produkt und die Arbeit der Erzeuger. Wir machen u. a. auch Hofbesuche mit Führung und Einführung in die landwirtschaftliche Arbeit auf den Feldern und der Tierhaltung wie auch Produktion.
Der persönliche Einblick, das Kennenlernen der Menschen, die die schmackhaften Produkte herstellen, das Kennenlernen des Hofes, der Tiere und aller verbundenen Geschöpfe, die Arbeitsweise, die Landschaft, die Tradition und Geschichte, all das ist sichtbar und greifbar und wird erfahrbar und wertgeschätzt. Die Leute sind be- und ueberland.1.genussgemeinschaft.gerührt und sehen beim Genuss des Käses z. B. die Weide und die Tiere und die Menschen, die das bewerkstelligen und haben Hochachtung vor all der Arbeit.
Im Gegenzug wertschätzen die Bauern unsere Arbeit sehr, sie öffnen uns ihre Arbeitsweise bis ins letzte Detail und nehmen sich auch Zeit für uns und unsere Fragen. Der ständige Kontakt und Austausch bis rein in die Familie ist sehr wichtig und ergibt einen engen Kontakt zwischen allen Beteiligten!

Nehmen viele interessierte junge Landwirte Kontakt mit Euch auf?

Marlene Hinterwinkler: Viel und jung ist „relativ“. Es sind meist Bauern, auch „mittleren Alters“, die eher an alternativen Modellen Interesse haben, das ist nicht unbedingt vom Alter abhängig, sondern eher von der Aufgeschlossenheit, neue Wege zu gehen. Jung – wenn man damit die Nachfolger einer abtretenden Generation meint, die jetzt langsam die Verantwortung übernehmen und sich fragen, wie und ob sie weitermachen wollen.

Was sind die häufigsten Fragen und Probleme?

Marlene Hinterwinkler: Die Fragen beziehen sich meist auf Direktvermarktung, Genussrechte oder Finanzierungen. Das größte Problem ist das Fehlen des Geldes für notwendige Investitionen oder für Vermarktungsstrategien jenseits des globalen Handels. Aber es geht auch um die Positionierung, vom Alten ins Neue zu kommen.

Wie versucht Ihr Landwirten zu helfen?
Marlene Hinterwinkler: Je nach Bedarf über Beratung zur Finanzierung von geplanten Vorhaben über Hinzuziehung von Fachleuten, zum Teil über Genussrechte, Bürgerbeteiligungsmodelle usw., Beratung zur Vermarktung, Öffentlichkeitsarbeit, Internetseite als Plattform für die Genussgemeinschaft. Bis jetzt bieten wir noch einen kostenlosen Eintrag als „Betrieb“ auf der Seite.

Wie finanziert Ihr Eure Gemeinschaften?
Marlene Hinterwinkler: Genussgemeinschaft ist eine ehrenamtliche Initiative im operativen Bereich. Wir erhalten einen Zuschuss von der Stadt München für die Projektleitung an aktiven Projekten und für die Beratung der Landwirte.

Eure Gemeinschaften befinden sich derzeit in München. Habt Ihr vor, die Gemeinschaften auf andere Regionen auszuweiten? Auch in Ö oder in der Schweiz?
Marlene Hinterwinkler: Gerne eine Ausweitung, wenn sich Interessierte finden, das Modell weiterzutragen und unser Wissen und unsere Erfahrungen erlernen wollen und das eigenverantwortlich fortführen.

Danke für das Interview.

ueberland.3.genussgemeinschaftDie Studie „Ausstiege aus dem ökologischen Landbau – Umfang-Gründe-Handlungsoptionen“ von den  Autoren Heike Kuhnert, Gesine Behrens, Ulrich Hamm, Henriette Müller, Hilturd Nieberg, Jürn Sanders und Renate Strohm, herausgegeben vom Von-Thünen-Institut, dem Forschungsinstitut des Landwirtschaftsministeriums.

Foto (1): © photocase/Miss X

Alle anderen Fotos: © Marlene Hinterwinkler

 

 

Bauer Michi Friedinger aus Farchach bei Berg am Starnberger See betreibt einen Demeter Hof mit Hühnerstall für Legehennen, finanziert zum Teil durch Bürgerbeteiligung „Genussrechte“, Zinsen in Naturalien.

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