Veganer Wein (2): Durchblick im Glas und bei der Kontrolle

Château DuvivierNicht nur für Menschen mit veganer Ernäh-rungsweise spielen die Produktsicher- heit und das Vertrauen in den Lieferanten eine wichtige Rolle. Immer mehr Konsumenten möchten wissen, was drin ist. Nach „Hype oder Hysterie?“ geht es heute um die Kontrolle von veganen Weinen und wie Transparenz in den Rebensaft kommt. Dazu das folgende Interview mit dem Weinexperten Emil Hauser. Ist veganer Wein ein Nischenprodukt?

Emil Hauser: Vor 10 Jahren begannen zunächst Konsumenten in Skandinavien und England, vegane Weine nachzufragen. Bald erfreuten sich Weine mit dem Zusatz «vegan wine» auf dem Etikett eines guten Absatzes. Inzwischen steigt die Nachfrage auch im deutschsprachigen Raum, vor allem bei Menschen, die Bioprodukte konsumieren. Allerdings ist dieses Segment noch klein. Auch wenn das Thema zum Trend wird: Veganer Wein ist immer noch ein Nischenprodukt.

Hat sich der Trend „vegane Weine“ unter den Winzern bereits herumgesprochen?

Emil Hauser: Der Trend zu veganen Weinen ist vor allem der geänderten Deklarationspflicht zu verdanken: Bereits im Jahre 2002 wurde die Deklaration von allergenen Stoffen (dazu gehören tierisches Eiweiss und Sulfite/SO2) auf dem Etikett in Australien und Neuseeland zur Pflicht. Seit 2005 ist die Kennzeichnung «enthält Sulfite» auch in der EU verbindlich vorgeschrieben.
Zusammen mit der SO2-Deklaration wollte die EU damals auch die Deklaration von anderen allergenen Inhaltsstoffen auf der Weinetikette vorschreiben, doch waren damals die Produzenten von Schönungsmitteln auf pflanzlicher Basis (von z. B. vegetabilen Proteinen auf Basis von Erbsen oder Weizen) noch nicht so weit. Zudem hielten die Weinbauverbände und deren Experten nicht mit Einsprachen zurück. Für jedes Schönungsmittel musste zuerst noch eine Studie über Rückstände erstellt werden. So kam es, dass z. B. Hausenblase von Fischen nicht auf den Weinetiketten deklariert werden muss. Ab der Ernte 2012 ist jetzt auch in der EU die Deklaration von Schönungsmitteln auf tierischer Basis (z.B. Eiweiss-Protein (Ovalbumin) oder von Kasein (Milch) vorgeschrieben.
Die Deklarationspflicht ab 2012 hat in den letzten Jahren viele Teilnehmer in der Weinbranche dazu bewogen, sich intensiv mit den Schönungsmitteln auf pflanzlicher Basis zu beschäftigen. Unterdessen sind – je nach Meinung des entsprechenden Önologen – auch die Schönungsmittel auf pflanzlicher Basis in ihrer Effizienz mit denjenigen auf tierischer Basis vergleichbar.

Nimmt das Angebot an veganen Weinen zu und wie verhält es sich mit der Nachfrage?

Emil Hauser: Ein ständiger Ausbau der Deklarationspflicht wird dazu führen, dass das Angebot an veganen Weinen vor allem bei ökologisch bewusst wirtschaftenden Winzern zunimmt – insbesondere wenn tierische Schönungsmittel auf dem Weinetikett aufgeführt werden müssen. Die erhöhte mediale Präsenz des Themas «vegane Lebensmittel» wird sich auf die Nachfrage aber wohl nur wenig auswirken.

Erkennen Sie Unterschiede bei Angebot/Nachfrage zwischen Österreich, Deutschland und der Schweiz?

Weingut HarmEmil Hauser: In Deutschland und in der Schweiz ist der Einsatz von Schönungsmitteln auf tierischer Basis bei vielen Winzern schon mehrere Jahre nicht mehr Usus. In Öster- reich gilt dasselbe für Weissweine, bei den Rotweinen präsentiert sich aufgrund der kräftigeren Tanninstruktur ein gemischtes Bild. Bei der Nachfrage ist kein signifikanter Unterschied zu erkennen.

Woran erkennen Sie einen veganen Wein? Oder vertrauen Sie einfach dem Winzer?

Emil Hauser: Bei der Degustation haben sich vegane Weine bisher eher durch eine frischere, nicht geglättete Tanninstruktur ausgezeichnet. Für den Konsumenten ist aber ein Unterschied kaum herauszuschmecken.
Die vom WWF Schweiz empfohlenen Delinat-Richtlinien geben Auskunft, ob ein Wein vegan ist: Auch die Weinbereitung im Keller wird in den Richtlinien geregelt, darunter fallen Fragen zu den verwendeten Schönungsmitteln und zur Stabilisierung. Die Richtlinien basieren auf einem Stufenmodell, das die über 100 Bewertungskriterien in drei Erfüllungsgrade einteilt – gekennzeichnet jeweils mit einer, zwei oder drei Weinbergschnecken.

Wie sieht es mit Kontrollen aus?

Emil Hauser: Die Einhaltung der Richtlinien wird durch die Schweizer Bio-Kontrollstelle bio.inspecta kontrolliert, in Zusammenarbeit mit den EU-Kontrollstellen der Länder. Die Kontrolleure werden entsprechend geschult und zusätzlich alle Weine im Labor untersucht, bevor sie eingekauft werden.

Bevorzugen Vegane andere Geschmacksrichtungen beim Wein als «konventionelle Weinkonsumenten»?

Emil Hauser: Diese Stigmatisierung ist mit Vorsicht zu geniessen. Aus unserer Sicht gibt es da keinen Unterschied.

Unterscheiden sich Vegane in ihrem Kaufverhalten. Greifen sie z. B. mehr zu höherpreisigen Weinen?

Emil Hauser: Für Menschen, die sich vegan ernähren, spielt die Produktsicherheit und das Vertrauen in den Lieferanten eine massgebende Rolle. Der Preis ist wohl weniger relevant.

Wie sehen Sie die Zukunft vom veganen Wein?

Emil Hauser: Wie schon beschrieben wird das Angebot an veganen Weinen zunehmen. Der Konsument wird – nicht nur, was den Wein betrifft – bewusster einkaufen. Viele Menschen setzen sich intensiv mit der Herkunft und der Zusammensetzung ihrer Nahrungs- und Genussmittel auseinander. Daher wird hier die Transparenz immer wichtiger: Man möchte wissen, was „drin“ ist.

Was ist Ihre Empfehlung an die Weinbauern?

Emil Hauser: Sich bei der Arbeit im Rebberg und im Keller weniger auf Zaubermittel der Industrie abzustützen, sondern den Reben und sich selbst mehr zu vertrauen.

Danke für das Interview.

Emil Hauser ist Weinakademiker und seit über zehn Jahren bei Delinat als Einkäufer für Weine aus Frankreich, Österreich, Deutschland und Portugal zuständig.

Foto (1): Emil Hauser

Foto (2): Zusammen mit Winzer Andreas Harm aus der Wachau (rechts im Bild) wird die Bodenstruktur aufgrund einer Spatenprobe analysiert. Nur krümeliger, mit vielen Wurzeln durchwachsener Humus ist das ideale Terroir für langlebige, konzentrierte Weine. Kompakter Boden ist wie Beton für die Reben.

 

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