Die Bäuerin: Lückenbüßerin oder mehr?

Welche Rolle nimmt die Bäuerin in der Landwirtschaft ein? Welche sozialen und politischen Aufgaben übernimmt sie? Konnte sie sich in den letzten Jahrzehnten emanzipieren? Ich sprach mit der Frauenforscherin Ulrike Tunst-Kamleitner. Sie beschäftigt sich einigen Jahren mit dem Leben und Arbeitsalltag von Bäuerinnen.

Gibt’s eine Alice Schwarzer in der Landwirtschaft?
Tunst-Kamleitner: Nein! Bis vor kurzem war die Frauenforschung in der Agrarwissenschaft noch nicht einmal ein Thema. In den 1990er Jahren wurden zum ersten Mal die Wünsche und Vorstellungen der Frauen überhaupt erst abgefragt. Beispielsweise „Wie siehst Du als Bäuerin Dein Leben? Oder „Wie stellst Du Dir Deine Zukunft vor?

Warum erst seit so kurzer Zeit die Auseinandersetzung?
Tunst-Kamleitner: Das hat damit zu tun, dass Familienwirtschaft sehr den Traditionen verhaftet ist. Der Bauernhof ist eine Einheit aus wirtschaftlichen und sozialen Einheiten. Die Bäuerinnen sind meistens allein verantwortlich für die Versorgungsarbeit, sie übernehmen die Pflege der Eltern und Schwiegereltern; da ist auch die Erwartungshaltung von außen relativ groß. Und die Bäuerinnen selbst denken sich: „Na, ich bin eh’ zu Hause, ich kann das übernehmen.“

Hat sich dieses Frauenbild nicht in den letzten Jahren verändert?
Tunst-Kamleitner: Das Hauptbild wird noch immer durch Hausfrau und Mutter bestimmt. In den letzten zehn Jahren kam das Bild der Betriebsleiterin dazu. Im Jahr 2010 wurden 38 Prozent aller Betriebe in Österreich durch Frauen geleitet. Das hat einerseits pensionsrechtliche Gründe: Wenn der Ehemann in Pension geht, übernimmt die Frau den Betrieb, um Zeiten anrechnen zu können. Andererseits betrifft es jene Betriebe, wo der Mann außerlandwirtschaftliche Tätigkeiten nachgeht und die Frau den Hof führt. In Österreich gibt es 59,9 Prozent Nebenerwerbsbetriebe. Allerdings: Je größer ein Hof ist, umso weniger Frauen sind in der Betriebsführung zu finden.

Übergibt man heute gerne den Hof einer Frau?
Tunst-Kamleitner: Frauen kommen in der Regel nur dann zum Zug, wenn der Hofnachfolger abspringt – quasi als Lückenbüßerinnen. Oder bei Unglücksfällen und bei Töchterbetrieben. Selbst wenn Frauen Betriebsleiterinnen sind, wird der Hof an den Sohn weiter gegeben, nicht an die Tochter. Das Geschlecht entscheidet, und nicht die Geschwisterfolge.

Dass die Höfe nicht an die Frauen weitergegeben werden, lässt die Vermutung zu, dass ihnen wichtige Kompetenzen fehlen?
Tunst-Kamleitner: Nein, an fehlenden Kompetenzen liegt es nicht. Die Ausbildung ist im Allgemeinen sehr gut. Auch das Fortbildungsangebot wird sehr gefördert. Es wird heute in der Ausbildung sehr wohl versucht, die Grenzen zwischen Männer und Frauen aufzuheben.

Im Osten von Deutschland haben viele gut ausgebildete Frauen ihren Ort verlassen und sind in die Stadt gegangen. Gibt es ähnliches in Österreich zu beobachten?
Tunst-Kamleitner: In Österreich sind es die Frauen, die am Hof bleiben, und die Männer gehen weg. In Skandinavien z. B., wo es viel Industrialisierung in der Landwirtschaft gibt, ist es umgekehrt: Da gehen die Frauen weg, um woanders zu arbeiten.

Das Lobbying der Bauern scheint fest in Männerhand zu sein. Trügt dieser Eindruck?
Tunst-Kamleitner: In Österreich sind 15 Prozent der Kammerräte weiblich. Es gibt keine Landwirtschaftskammerpräsidentin, aber 3 Vizepräsidentinnen in der Landwirtschaftskammer. Im Nationalrat sind 14 Abgeordnete des ÖVP- Bauernbunds, darunter ist nur eine Frau, vertreten. Politische Mitgestaltung passiert zwar, aber viel mehr Frauen müssten politisch aktiv werden. Das erfordert viel Zeit. Zeit, die Frauen für gewöhnlich nicht haben, weil sie einer Dreifachbelastung ausgesetzt sind: Haushalt, Familie und Landwirtschaft.

Was müsste sich ändern?
Tunst-Kamleitner: Wichtig wäre es, die familiäre Arbeitsteilung zu trennen, den Begriff der Arbeit neu zu definieren: Dass auch Kindererziehung Arbeit ist und dass auch Männer Versorgungsarbeiten übernehmen sollten.

Wie sieht denn in Österreich der Einstieg einer Bäuerin ins politische Leben aus?
Tunst-Kamleitner: Der politische Einstieg erfolgt über das Engagement in Bäuerinnenorganisationen. Zunächst ist sie als Ortsbäuerin tätig, dann als Bezirksbäuerin, es folgt die Landesbäuerin. Mit Vorträgen und Seminaren trägt sie das Bild nach außen. Der nächste Schritt geht in den Gemeinderat, dann folgt der Bauernbund.

Gibt es Initiativen, die die Leistung der Bäuerinnen vor den Vorhang holen?
Tunst-Kamleitner: Mit dem Wettbewerb „Innovative Bäuerin“ von der ARGE Bäuerinnen werden innovative Unternehmerinnen gekürt. Es sind ja meistens die Frauen, die am Hof Innovatives ausprobieren wie Direktvermarktung oder mit Schulprogrammen kooperieren oder Urlaube am Bauernhof ermöglichen. Das sind weibliche Tätigkeiten, die haben nichts mit der landwirtschaftlichen Urproduktion zu tun, die vornehmlich in Männerhand liegt. Frauen haben auch weniger Berührungsängste, und gehen offener auf Neues zu.

Sind Bäuerinnen mit ihrem Beruf glücklich?
Tunst-Kamleitner: Im Großen und Ganzen ja. Es gibt eine Zufriedenheit mit diesem Beruf, positiv wird auch die Nähe zur Natur gewertet und die Vereinbarkeit mit der Familie. Negativ hingegen die geringe Wertschätzung von außen und das geringe Einkommen. Bäuerinnen, die einheiraten und nicht aus der Landwirtschaft kommen, haben es doppelt so schwer. Sie müssen alles erst erlernen und sich die Akzeptanz der anderen erarbeiten.

Wie kann die Wertschätzung gesteigert werden?
Tunst-Kamleitner: Beispielsweise in Form der Direktvermarktung, wo sie die Nähe zum Kunden haben und nicht vom Handel abhängig sind.

Wie sehen die Bäuerinnen die Zukunft?
Tunst-Kamleitner: Die Zukunft der Landwirtschaft sehen die Bäuerinnen im allgemeinen nicht rosig, weil es immer weniger Betriebe gibt und nur die größeren übrig bleiben. Auch die Abhängigkeit vom Fördertopf und eine gerechte Preisgestaltung der landwirtschaftlichen Produkte trüben den positiven Blick. Wenn es aber um den eigenen Hof geht, dann wird die Zukunft durchaus positiv gesehen.

Ich danke für das Gespräch.

Mag. a Ulrike Tunst-Kamleitner hat Soziologie und Politikwissenschaft an der Uni Wien studiert sowie feministische Grundstudien am Rosa-Mayreder-College. Sie betreibt Frauenforschung in der Agrarwissenschaft und lehrt seit zwei Jahren an der BOKU (Universität für Bodenkultur, Wien) die Veranstaltung „Rurale Frauen- und Geschlechterforschung“ Sie selbst kommt aus einem landwirtschaftlichen Betrieb, wird ihn aber nicht übernehmen, sondern einer ihrer Brüder. Klassisch eben.

Quellen: Oedl-Wieser, Theresia und Wiesinger, Georg (2010): Landwirtschaftliche Betriebsleiterinnen in Österreich – Eine explorative Studie zur Identitätsbildung. Wien: Bundesanstalt für Bergbauernfragen
Larcher Manuela und Vogel Stefan (2009): Geschlechterspezifische Unterschiede im Hofübergabeprozess in Österreich; in: Oedl-Wieser, T. und Darnhofer, I. (Hrsg.): Jahrbuch der österreichischen Gesellschaft für Agrarökonomie. Band 18, Heft 2: Facultas Verlag
OEDL-WIESER, Theresia (2006): Politische Gestaltungsmacht von Frauen in ländlichen Regionen – eine kritische Betrachtung. In: Helmle, Simone (Hrsg.): Selbst- und Fremdwahrnehmung der Landwirtschaft. Weikersheim: Markgraf Publishers. 75-87
ARGE Bäuerinnen(2007): Situation der Bäuerinnen in Österreich 2006. Zusammenfassung der Bäuerinnenbefragung 2006.Wien.

Photo (1): photocase/LMDB
Photo (2): Ulrike Tunst-Kamleitner, fotografiert von Barbara Kanzian

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