Arm sind wir nicht

Es kommt nicht oft vor, dass ein Buch solch eine Strahlkraft besitzt. Das mag wohl in erster Linie mit seinen Protagonisten, eben Anni und Alois Sigl, zu tun haben. Die beiden führen auf ihrem Einödhof im Bayerischen Wald ein einfaches Bauernleben. Ohne Bad, Auto, ja, nicht einmal eine Heizung. Doch die beiden vermissen nichts, sind rundum zufrieden. Anni und Alois leben im Einklang mit der Natur. Anni pflegt mit Hingabe ihre Apfelbäume, ist eine wahre Expertin, wenn es um das Veredeln geht und steht mit viel Wissen Ratsuchenden zur Verfügung. Ihre zweite Leidenschaft gilt ihren Hühnern, Enten und Gänsen, die den Hof besiedeln. Wenn die Anni einmal im Jahr ihre Hühner selbst nachzüchtet, dann verbringen die Küken ihre ersten Tage in der Ofenschublade. Dort haben sie es warm. Sonst ist es eher kalt im Haus, denn Heizung haben sie keine. Das macht der Anni nichts aus, sie geht ja auch barfuss in den Schnee hinaus. Der Alois hingegen leidet unter der Kälte. Auf der Couch in der Küche ist sein Platz, wo er sich schon mal eine anzündet und die Anni gewähren lässt. Der Alois ist ein ruhiger, sensibler Mensch, der am Schlachttag erst dann aufsteht, wenn die Anni alles erledigt hat. Die beiden ergänzen und akzeptieren sich voll und ganz.

Den Hof der beiden Selbstversorger hat die Fernsehjournalistin Julia Seidl schon viele Male besucht, da sie über Annis und Alois Leben bereits drei Filme für das Bayerische Fernsehen gemacht hat. Nun entstand dieses Buch, in dem Seidl das einfache und zufriedene Leben der beiden einfühlsam porträtiert.

Die von Stefan Rosenboom gemachten Fotos sind großartig. Das einfache Leben der beiden bekommt durch die vorwiegend schwarz weiß gehalten Fotos ausdrucksstarke Präsenz. Rosenboom führt uns mit seinen Bildern mitten hinein, in das Leben von Anni und Alois, ohne dabei eine Aufdringlichkeit zu erzeugen. Der Betrachter wird durch seine Fotos nicht zum Voyeur, sondern zu einem selbstverständlichen Teil des Einödhofs.

Dieses Buch ist aber weit mehr als ein empathisches Porträt in Wort und Bild. Man neigt während der Lektüre dazu, sein eigenes Leben zu reflektieren, seine Konsumgewohnheiten, seine Einstellungen zu Natur und Umwelt. Natürlich bleibt auch eine der zentralen Fragen nicht aus: Wie viele Dinge braucht der Mensch, um ein erfülltes, glückliches und zufriedenes Leben zu führen?

Fotos: © Stefan Rosenboom

Julia Seidl Stefan Rosenboom

Anni und Alois

Arm sind wir nicht. Ein Bauernleben

Ludwig Verlag

ISBN-10: 3453280431

ISBN-13: 978-3453280434

5 Gedanken zu „Arm sind wir nicht

  • 1. Februar 2013 um 12:04
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    Uih, die beiden sind toll und ich habe schon einmal eine Reportage über die beiden gesehen im Fernsehen. Meine Eltern kommen übrigens auch aus dem bayerischen Wald. Und ich kenne auch noch jemanden dort, der heute noch seinen Toilettengang über den Hof nach “Herzhausen” macht 😉

    Ganz liebe Grüße
    Barbara

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    • 2. Februar 2013 um 10:41
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      Meine einzige Erfahrung mit Klos nach Herzhausen war während eines Urlaubs in einem Ferienhaus tief in einem finnischen Wald. In der Nacht habe ich es mir abgewöhnt, dort hinzugehen, weil meine Angst vor Elchen und Braunbären überwiegte. Man kann sich’s einfach nicht mehr vorstellen.

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  • 23. Januar 2014 um 11:20
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    Wenn man das Buch über die Beiden gelesen hat, wird einem bewußt, daß wir “das Mensch sein”, eigentlich verloren haben. Unser Rhythmus, und unser Gleichgewicht mit den Jahreszeiten, bzw. mit der Natur ist uns voll aus den Fugen geraten.
    Auch um das “Wissen”, wenn das nicht mehr weitervermittelt wird, ist für immer verloren. Ein Zitat von mir heißt : ” Mensch sein, als Mensch leben !”

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    • 23. Januar 2014 um 11:39
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      Ja, leider. Da hast Du völlig recht. Es ist uns in letzter Zeit viel abhanden gekommen. Vor allem auch Empathie gegenüber Mensch und Tier.

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  • 28. September 2014 um 18:24
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    ich lese das buch gerade.keine spur von streß haben die beiden,sie leben im Einklang der Natur.es gibt eben kaum mehr menschen,die so leben können.ich könnte es nicht.aber das buch ist sehr interessant

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