Gärtnern am Garagendach

GartenWerkStadt

Erst fünf Stockwerke Parkgarage, oben drauf dann Gemüse und Kräuter in Hülle und Fülle: Im sechsten Wiener Gemeindebezirk hat eine Anrainerinitiative eine Steinwüste auf einem weitläufigen Garagendach zum Grünen gebracht. Gastautorin Ruth Rybarski hat dieses Urban Gardening-Projekt – die GartenWerkStadt – besucht und sich von der Kreativität und der Konstruktion beeindrucken lassen.

Am Anfang war Schotter.
1.000 m2 Schotter, 100.000 kg schwer.
Und es gab nur ein Ziel: Dieser Schotter muß weg.

Mit der kräftezehrenden Schotterentfernung von dem Flachdach, das über der fünf Stock hohen WIPARK-Garage liegt, hatte die GartenWerkStadt in Wien-Mariahilf vor zehn Jahren gestartet. Inzwischen gilt sie als eines der Vorzeigeprojekte, wenn es um die gemeinschaftliche private Begrünung ungenutzter städtischer Flächen im Zusammenhang mit Urban Gardening geht.

Technisches und gärtnerisches Knowhow

Auf den Arealen, auf denen keine Steine mehr liegen und die Dachfläche von unten her gestützt ist, verläuft heute ein großzügiger Parcours aus Holzstegen, gesäumt von üppig begrünten Obst- und Gemüse-Hochbeeten, Bewässerungsschläuchen, Folientunneln, Rankhilfen, Gewächshäusern und Sitzgelegenheiten – alles präzise ausgetüftelt mit Hilfe von gärtnerischem und ziviltechnischem Knowhow.

So wurden, um das 2.000 Quadratmeter umfassende Dach und die Statik nicht durch eine hohe Gewichtskonzentration zu gefährden, statt der üblichen massiven Holzhochbeete mit Vlies und Folie ausgekleidete Pflanzenbehälter aus Baustahlgitter gebaut. Damit diese nicht doch zu schwer werden, darf die feuchte Erde darin eine Höhe von 40 cm nicht überschreiten.

Safran und Wein in Mariahilf

Angebaut wird, auf den 300 Laufmetern, Vielfältiges: von Blattgemüsen, Kräutern, Karotten, (Süß)Kartoffeln und Tomaten über Zucchini, Bohnen und Beeren bis hin zu (Winter)Salaten, Äpfeln und Safran. Diese Gewürzpflanze sei, so Anrainer, Vereinsobmann und Projekt-Initiator Michael Graner, in früheren Jahrhunderten in Mariahilf und Gumpendorf ebenso verbreitet gewesen wie es die Reben für die Weingewinnung waren.
Und Reben feiern in der GartenWerkStadt ebenfalls eine Art Revival. Nämlich durch den Anbau einer seltenen, auch in der Wiener Lobau heimischen, wilden Traubensorte. Sie ist allerdings der Marmeladegewinnung vorbehalten.

Moos statt Schotter

Neue Pläne bezüglich einer erweiterten ökologischen und nachhaltigen Nutzung des Dachgartens habe man, so Graner, einige. Vor allem denken er und die über fünfzig Vereinsmitglieder der „Operation Grüner Daumen” gerade daran, den sich massiv aufheizenden, die Dachpappe schützenden restlichen Schotter durch Moos zu ersetzen. Denn Moos, das es als Matten zu kaufen gibt, habe einen ähnlichen Schutzeffekt, erhitze sich aber nur bis auf Lufttemperatur, speichere bis zu 18 Liter Wasser pro Quadratmeter und sammle zudem Feinstaub.

All zu schnell wird dieser Plan möglicher Weise nicht realisiert werden – nicht nur aus Kostengründen.
Vielmehr gehe es laut Graner derzeit um Verhandlungen mit den Baubehörden. Denn so einleuchtend die Idee mit der Bemoosung klingt – für die Ämter sei sie offenbar noch etwas zu ungewöhnlich. Doch Überzeugungs- und Pionierarbeit zu leisten, ist man in der GartenWerkStadt ohnehin schon seit langem gewohnt.

GartenWerkStadt

Die GartenWerkStadt, die 2021 im Rahmen des „Klimapreis Mariahilf“ ausgezeichnet wurde, befindet sich in der Windmühlgasse 22-24, 1060 Wien, oberhalb der zu den Wiener Stadtwerken gehörenden WIPARK Garage. Das Dachareal wurde durch den Verein „Operation Grüner Daumen” angemietet und zu Beginn von der Stadt durch Materialspenden unterstützt; heute erhält es sich aus Mitgliedsbeiträgen.
Knapp zwanzig Mitglieder können im Verein noch aufgenommen werden, sie müssen nicht in der Gegend wohnen, aber verlässlich mitarbeiten.
Besuche sind nur zusammen mit Vereinsmitgliedern m
öglich, es gibt aber immer wieder öffentliche Besichtigungstermine. 
kontakt@gruenerdaumen.org

Alle Fotos: ©Ruth Rybarski

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