Dachgarten: Wohnen „zwischen Himmel und Erde“

Dachgarten

Viele träumen vom begrünten Flachdach, von einem Dachgarten oder einer Dachterrasse in der Stadt. Doch wann wurde eigentlich das grüne Wohnzimmer so trendig? Und wie waren die luftigen Räume „zwischen Himmel und Erde“ früher gestaltet? Über_Land-Gastautorin Ruth Rybarski hat das Buch Flachdach, Dachterrasse, Dachgarten. Eine kleine Wiener Geschichte des Wohnens im Freien „zwischen Himmel und Erde“ genau angesehen und besprochen.

Zu schockieren und zu begeistern war er gewohnt, der österreichische Architekt Adolf Loos. So führte auch die von ihm entworfene, im Jahr 1913 fertiggestellte Villa Scheu in der Wiener Larochegasse zu Kopfschütteln und Rufen nach behördlichem Verbot dieser angeblich besser nach Algier passenden Bauweise.

Denn Loos hatte wieder einmal mit Konventionen gebrochen. Mit seiner klaren, schnörkellosen Formensprache, dem Verzicht auf ein gewölbtes Dach und vor allem den umfangreichen Terrassen widersetzte er sich populärer Gefälligkeit.

Dachgarten
Gartenfassade der Villa Scheu, Foto um 1930; Archiv: Eva Berger

Gebäude mit Aussichtsplattformen oder Dächer zum Sonnenbaden, für Gymnastikübungen, als Freiluft-Wohnzimmer oder zur Demonstration von Macht und Reichtum – Eva Berger, Professorin für Gartenkunstgeschichte an der TU Wien, gibt in ihrem ausführlich illustrierten Buch Flachdach, Dachterrasse, Dachgarten. Eine kleine Wiener Geschichte des Wohnens im Freien „zwischen Himmel und Erde“ einen historischen Überblick darüber, wie man es in früheren Zeiten mit – und was man von hochgelegenen offenen Arealen in Wohnhäusern, Villen, Klöstern oder Herrschaftssitzen hielt.

Üppig begrünte Terrassen

Waren in der Antike und im Orient üppig begrünte, stufenförmige Gärten – ähnlich der „Hängenden Gärten der Semiramis“ – populär, setzten sich in der Neuzeit auch in unseren Breiten mit Pflanzen bestückte Flachdächer und Aussichtsterrasse durch, zwecks Weitblicks, des Sammelns von Regenwasser, Gewinns von zusätzlichem (Stau)Raum oder zum kontemplativen Rückzug. Das alles allerdings vorzugsweise in den Anwesen wohlhabender Bauherren.
Vor allem in der Renaissance und im Barock wurde es schick, Palais, Schlösser, gelegentlich sogar innerstädtische Wohnhäuser himmelwärts zu öffnen. Zum echten Hingucker wurde Maria-Theresias „Kaiserin-Terrasse“ in der Wiener Hofburg, üppig bestückt mit ausgestopften Tieren, magischen Instrumenten, exotischen Gewächsen und von der Straße her einsehbar. So konnte sich auch das gemeine Fußvolk an den Kuriositäten ergötzen.

Neue Technologien machen Dächer grün

Dachgarten Friedinger in Wien; Achiv: Eva Berger

So richtig zur Rekreation oder später auch für die Gastronomie – wie beim Hochhaus in der Herrengasse oder dem Kahlenberg-Restaurant – wurden flache, oftmals begrünte Dächer oder ausladende Terrassen bei uns mit Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet und genutzt. Gesellschaftliches Umdenken, ursprünglich für die US-amerikanischen Hochhäuser, entwickelte neue Bautechnologien und vor allem innovative Architekt:innen machten es möglich.

Aber nicht nur repräsentative Villen und Innenstadtbauten erhielten in der Zwischenkriegszeit luftige Freiräume. Etliche Architekt:innen der Moderne sahen es als ihre wesentliche Aufgabe, die Lebensqualität auch weniger begüterter Menschen zu verbessern.

Abgeflachte Dächer sollten den Bewohner:innen eng verbauter Gebiete jederzeit Zugang zu Licht, Luft, Sonne und Natur ermöglichen. Bei den Gemeindebauten des „Roten Wien“ wurden derartige Freiluft-Räume dennoch selten integriert – dafür gab es häufig Loggien oder Balkone.

„Zurück zur Natur“

Dass die einst billigen Bohème-Wohnungen im Obergeschoß zu Objekten der Begierde und schlussendlich hochpreisigen Dachterrassen-Wohnungen von heute wurden, begann in den 1970er Jahren. Zum einen durch den verstärkten Ausbau der Liftanlagen, zum anderen durch ein idealistisches „Zurück zur Natur“, unterstützt etwa durch Vor- und Nachdenker wie dem Stararchitekten Roland Rainer. 

Während das große Plus des Bandes seine Illustrationen, präzisen Recherchen und Ortsangaben sind – der Stil selbst ist eher nüchtern, sachlich und informativ, geht es doch mehr um detailliert recherchierte Bau- als um süffig-anekdotenreiche Kulturgeschichte.

Daher gibt es auch nur selten – wohl mangels literarischer Quellen – plastische Beschreibungen dessen, was sich auf den Freiarealen der Häuser so alles abgespielt hatte.

Umso mehr berühren die Zeitzeugnisse am Schluss und die Erinnerung an die jüdische Krankenschwester Mignon Langnas. Sie arbeitete im Altersheim der Israelitischen Kultusgemeinde im 2. Bezirk, 72 Stunden die Woche. Auf den unwirtlichen Flachdächern durften sich die Angestellten von ihrer erschöpfenden Tätigkeit erholen – und hatten freien Blick auf den Augarten, den sie als Jüdinnen und Juden nach dem „Anschluss“ nicht mehr betreten durften.

Eva Berger
Flachdach, Dachterrasse, Dachgarten.
Eine kleine Wiener Geschichte des Wohnens im Freien „zwischen Himmel und Erde“.
Böhlau Verlag, 2021

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