Die Gstettn der Regina Anzenberger

Gstettn

Eine fotografische Hommage an einen bedrohten Ort und an das, was manche „Unkraut“ nennen: die Arbeiten der bildenden Künstlerin und Fotografin Regina Anzenberger. Ihr Werk über die Gstettn hat sich unsere Gastautorin Ruth Rybarski näher angesehen.

Sie sind anarchisch, wild, unangepasst und werden wohl deshalb nicht von allen geliebt: die sogenannten Gstettn, wie auf gut Österreichisch jene von städtischer oder gärtnerischer Zivilisation verschonten, unverbauten Plätze heißen, die sich die Natur hemmungslos zurückerobert hat. Es gibt sie rund um Abbruchhäuser, auf ramponierten Asphaltflächen, im Niemandsland und überall dort, wo Rasenmäher und Investor:innen noch nicht hingekommen sind.

Ungezähmte Oase für Wildtiere und Insekten

Die Schönheit und Wichtigkeit dieser Kraftplätze hat auch die Fotokünstlerin und Galeristin Regina Anzenberger erkannt. Hinter dem zu Lofts, Ateliers und Galerien umgebauten Teil der Ankerbrotfabrik in Wien-Favoriten, wo auch die „AnzenbergerGallery“ beheimatet ist, existiert – vermutlich nicht mehr lange – so ein weitläufiges Naturreservoir.
Die Gstettn ist eine ungezähmte Oase für Wildtiere und Insekten, wie sie in Städten immer seltener zu finden, ökologisch jedoch von größter Wichtigkeit ist.

Fast fünf Jahre lang hat die Galeristin, Fotografin und Fotobuchexpertin dort Pittoreskes, Imposantes und scheinbar Unbedeutendes fotografisch festgehalten und die Bilder zu einem Fotobuch und der umfangreichen Ausstellung „Gstettn“ zusammengefügt.

Üppige Wildblumen und wogende Blumenmeere

Die Schau umfasst, von Größe, Ästhetik und Inhalt her, völlig unterschiedliche, ausschließlich mit dem iPhone entstandene Arbeiten.
So gibt es, durch hinzugemalte Farbakzente leicht verfremdete, großformatige Bilder üppiger Wildblumen in blassrosa und weiß. Oder wogende Blumenmeere, deren Gelb und Weiß scharfe Kontraste zur dunklen Erde bilden und am Bildrand alles ins Nebelig-Unendliche verschwimmt.
Es gibt aber auch komplett Schwarz-Weißes, beispielsweise im Camera-Obscura-Stil, durch den Blütenköpfe wie „Blütenplaneten“ – so der Titel – erscheinen.

Ganz anders die kleinformatigen Einzelbilder und Serien, die ein Anflug von Zen umgibt: filigrane Zweige, vertrocknete Dolden, durch Frost schockgefrorene Pflanzen; manche der Fotos ergänzt durch dezente Tuschestriche oder reale Fundstücke aus der Natur.

Grenzen zwischen Fotografie und Malerei

Wichtig ist es Anzenberger dabei immer wieder, die Grenzen zwischen Foto und Malerei aufzuheben. Auch lässt sie, weil sie „eckige Ränder nicht mag“, mit Hilfe weißer Farbe die Grenzen zwischen Foto und Papier verschwimmen. Vieles wirkt daher fast unwirklich, anderes irritierend oder berührend. Und alle Werke, nicht nur die Fotos kleiner Schnecken, zeugen von liebevoller Aufmerksamkeit und zugleich bewusster Formgebung und Distanzierung von einer realistisch-naturalistischen Abbildung der Natur.

„Darin Aufenthalt nehmen“

„Neuinszenierung, Anspielung, Übersetzung. Annäherungen sind es über den Bildrand hinaus, Lobreden auf das Leben“, schreibt die Autorin Anna Baar im Vorwort des, nach japanischem Vorbild handgebundenen, mehrteiligen Fotobuchs, das parallel zur Ausstellung entstanden ist.

Gstettn

23 verschiedene Papierarten wurden verwendet, manche davon auf der Basis von Gras und Traubenmaische produziert. Die unterschiedlich farbigen Booklets unterstreichen die Kraft – oder Ruhe – der Arbeiten. So wie Baar schreibt:
„Man muss die Bilder erschließen, darin Aufenthalt nehmen, teilnehmen, nachempfinden. Kein harmloses Unterfangen.“

Die Schau

ist noch zu sehen bis 10. September 2021 in der AnzenbergerGallery in der Ankerbrotfabrik, Absberggasse 27, 1100 Wien.

Eine Führung

durch die Ausstellung inklusive After Work Drink findet am Mittwoch, 25. August um 19h statt.
Der Preis der Bilder rangiert von 79 Euro bis 9.800 Euro.

Foto 1 ( Gstettn) und Foto 8 (Regina Anzenberger mit Hündin Lola): ©Ruth Rybarski
alle anderen Fotos: © Regina Anzenberger

Ein Gedanke zu „Die Gstettn der Regina Anzenberger

  • 24. August 2021 um 09:51
    Permalink

    Ganz ausgezeichnet!
    Die Darstellung von von natürlichen Prozessen wie „entstehen-entwickeln-verwischen-mischen-ineinander aufgehen-auflösen-verschwinden“ natürlicher organischer wie anorganischer „Materialien“. Die Gstettn ist der permanent sicht- und fühlbaren Veränderung unterworfen. Jeder Mensch trägt so einen unkultivierten, wilden, inspirierenden Bereich in sich. Wer diesen wertschätzt, findet darin den schönsten Rückzugsort.
    Ich empfinde diesen Prozess auch in der Darstellung digitaler Kunst so! Es gibt keine feste Position, alles ist und bleibt in Bewegung. Diese Bilder/Momentaufnahmen kann man nicht an eine Wand hängen. Wenn doch, dann sind sie nachwirkende Vergangenheit!

    Antwort

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