Hotspots der Biodiversität

Expedition Artenvielfalt Heinz Sielmann Stiftung

Längst haben die Großstädte das Land an Artenvielfalt übertroffen. Und es sind auch nicht die üblichen Naturschutzgebiete am Land, die in Bezug Artenreichtum den Spitzenplatz einnehmen. Nein, es sind jene Flächen, auf denen noch vor wenigen Jahren Kohle geschürft wurde oder auf denen Panzer rollten. Warum das so ist, zeigt das Buch Expedition Artenvielfalt auf beeindruckende Weise.

„Nirgends geht es der Natur so gut wie dort, wo Krieg gegen Menschen geübt wird, aber Friede mit der Natur herrscht, wo Panzer alles niederwälzen, was nicht rechtzeitig fliehen kann, und wo scharf geschossen wird, aber nur auf leblose Ziele.“ So der deutsche Zoologe und Evolutionsbiogloge Josef H. Reichholf in seinem Vorwort von Expedition Artenvielfalt.

Josef H. Reichholf in Expedition Artenvielfalt

Und er sagt weiter, dass sich nirgendwo sonst die Natur so gut von selbst entwickeln könne wie auf großen Tagebauflächen. Sie nehmen gemeinsam mit militärischen Truppenübungsplätzen Spitzenpositionen in Punkto Artenvielfalt ein. Alles was rar, scheu und zurückgezogen lebt, findet auf diesen Flächen seinen Platz: Sandlaufkäfer, weithin ausgestorbene Schmetterlinge, Urzeitkrebse, Ziegenmelker bis hin zu seltenen Orchideen und Wisenten und vieles mehr.

Sielmanns Naturlandschaften

Expedition Artenvielfalt Heinz Sielmann Stiftung Schmetterling
Ein männlicher und ein weiblicher Ginsterbläuling in der Döberitzer Heide | Foto: Hannes Petrischak

Die Heinz Sielmann Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, solche Gebiete zu erhalten und zu entwickeln. Sie betreut fünf solcher großflächigen Regionen: Auf der Döberitzer Heide endete 1992 die militärische Nutzung. Sie ist heute ein einzigartiges Mosaik verschiedener Lebensräume, wo sich Wisente, Wasserbüffel und Przewalski-Pferde tummeln. Auch die Kyritz-Ruppiner Heide – die größte Heidefläche Deutschlands –  diente als Truppenübungs- und Bombenabwurfplatz. Auf der Tangersdorfer Heide – in der Vergangenheit intensiv von der Sowjetarmee militärisch genutzt – wurden die überalterten Heidebestände revitalisiert. Die Wasserwelten rund um die Groß Schauener Seen – einst durch Geflügelhaltung und intensive Fischerei geschädigt – haben sich mittlerweile zu einem Naturparadies entwickelt. Und aus dem Braunkohletagebau in der Niederlausitz entstand die über 3000 Hektar umfassende Sielmanns Naturlandschaft Wanninchen.

Der Mangel ist die Grundlage der Vielfalt

Das Buch zeigt sehr schön diese (heutigen) Schatzkammern der Natur. Zahlreiche eindrucksvolle Fotos von Fauna, Flora und Landschaften geben Einblicke in die Naturparadiese. Das Autorenteam rund um den Biologen Hannes Petrischak (er leitet den Geschäftsbereich Naturschutz der Heinz Sielmann Stiftung) besteht aus Experten; ihre fachlich fundierten Beiträge sind gut zu lesen. Darüber hinaus werden zentrale Fragen des Naturschutzes spannend diskutiert.

Expedition Artenvielfalt ist ein äußerst wertvoller Beitrag zur aktuell herrschenden Diskussion rund um das Artensterben. Das Buch belegt sehr schön, dass der Mangel die Grundlage der Vielfalt ist. Überdüngung und einheitliche Produktionsflächen sind die Hauptursachen für das Sterben der Vielfalt. Eine Pflichtlektüre für all jene, denen nachhaltiger Naturschutz ein Anliegen ist.

Hannes Petrischak, Expedition Artenvielfalt. Heide, Sand & Seen als Hotspots der Biodiversität, ISBN 978-3-96238-109-7, Oekom Verlag, seit 29. April 2019, auch als E-Book erhältlich

Foto (1): Neues Leben nach der Kohle in Wanninchen | Foto: Rolf Donat

über_Land

Der Blog über_Land beschäftigt sich mit innovativer Landwirtschaft in der Stadt und auf dem Land. Themen wie Urban Farming, Vertical Farming, Aquaponic stehen genauso im Vordergrund, wie innovative Landwirte, die mit ihren Betrieben neue Wege der Lebensmittelproduktion einschlagen. Der Blog ist seit 2011 online. Gründerin und Herausgeberin ist Barbara Kanzian. Erfahren Sie mehr über sie auf ihrer Unternehmens-Website.

2 Gedanken zu „Hotspots der Biodiversität

  • 3. Mai 2019 um 10:28
    Permalink

    Wenn ich meinen letzten Landspaziergang durch Mais- uns Rapsmonokulturen mit der hier nahe gelegenen Wahner Heide – auch ein ehemaliges Truppenübungsgelände – in Köln vergleiche, ist ganz klar wo die “bessere Natur” zu finden ist. Die romantische Vorstellung von Ausflug in die Natur, sprich auf die Dörfer, stimmt leider schon lange nicht mehr.
    Viele Grüße
    Claudia

    Antwort
    • 3. Mai 2019 um 10:56
      Permalink

      Danke Claudia für Deinen Kommentar. Ja, es ist traurig, was die Monokulturen mit ihrer Überdüngung in den letzten Jahren an Schaden angerichtet haben. Umso wertvoller Initiativen wie diese, die punktuell versuchen Schaden zu minimieren.

      Antwort

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