Über Leben am Land

Peter Braunholz: Topophilia XXII

Zahlreiche Zeitschriften haben sich seit gut einem Jahrzehnt dem Landleben verschrieben. Sie zeichnen ein kitschiges Bild vom Land und verklären es zum Sehnsuchtsort. Die derzeit laufende Ausstellung Über Leben am Land im Kunst Haus Wien räumt mit den romantischen Vorstellungen vom Landleben ordentlich auf. Und sie ist nicht nur deswegen eine Wohltat.

Im Jahr 2011 schrieb die Überländerin über diese oberflächliche und kitschige Herangehensweise von Medien, die das Land zu einem Sehnsuchtsort stilisieren. Die Zielgruppe der – vorwiegend – Städterinnen erhalten Deko-Tipps für lauschige Terrassen, die besten Rezepte von Omas rustikaler Küche und die Anleitungen für die herzigsten Blumenkränzchen fürs Haar.

Dass ganze Landstriche mit Leerstand, Arbeitslosigkeit, Bodenversiegelung, Abwanderung zu kämpfen haben, scheint an diesen Medien spurlos vorüber zu gehen. Es gibt sogar Überlegungen, in denen das Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) vorschlägt, ländliche Regionen teilweise aufzugeben: „Die Politik und die Öffentlichkeit müssen akzeptieren, dass es gerade die Städte in Ostdeutschland sind, die die wirtschaftliche Konvergenz Ostdeutschlands voranbringen können“, heißt es in der Anfang dieses Jahres veröffentlichten Studie.

Foto: Eva Szombat

Konflikt zwischen Stadt und Land

Natürlich polarisieren solche Ideen. Tatsache aber ist, dass die Bruchlinie zwischen Stadt und Land wieder sichtbarer wird, was sich auch auf politischer Ebene ausdrückt. Brexit, Gelbwesten und die Wahl von Donald Trump sind Entwicklungen, die stark vom Land ausgegangen sind.

Würde es diesen Konflikt zwischen Stadt und Land also nicht geben, wenn man dem Land mehr gesellschaftliche und mediale Beachtung schenkte? Genau dieser Zukunftsfrage widmet sich die Ausstellung Über Leben am Land. Zu sehen sind 20 künstlerische und fotografische Positionen, die die unterschiedliche Realität des Landes zeigen. Da ist z. B. „Leben am Hof“ von Iris Andraschek. Sie präsentiert Fotos von Familienaufstellungen. Die Menschen zeigen sich darauf so, wie sie wollen und nicht so, wie sie die Künstlerin positioniert. Ein Paar, das von seiner Tochter durch einen Weg getrennt ist; drei Männer, die mit einem Ochsen posieren oder Vater, Mutter, Kind vor dem Haus mit Dreifachgarage.

Éva Szombat lässt in ihren Arbeiten Stadt und Land aufeinanderprallen. Neongelb bestrumpfte Beine, die im Kuhstall deplatziert wirken: der Culture Clash ist vorprogrammiert (sh. Bild ganz oben).

Unterschiedliche Facetten des Landes

über Leben am Land Anatoliy Babiychuk
Anatoliy Babiychuk: Horaivka since 2009

Anatoliy Babiychuk porträtiert die Bevölkerung eines 400-Seelen-Ortes in der Ukraine. Viele Einwohner pendeln und arbeiten in der Stadt. Und obwohl die gepflasterte Straße vor dem Ort endet, schenkt das Elternteil seinem Kind Rollerblades.

Laura Henno zeigt mit „Outremonde“ Bewohner eines wilden Campingplatzes. Sie porträtiert Menschen, „Verlierer des Kapitalismus“, die fernab von urbanen Zentren gezwungen sind, sich einen leistbaren Wohnraum zu erschließen.

Über Leben am Land Laura Henno
Laura Henno: Outremonde, 2017-2018

Über Leben am Land ist eine faszinierende Ausstellung, die viele unterschiedliche Facetten des Landlebens in Europa und in den USA zeigt. Und sie ist ein wichtiger Beitrag, dass das Land nicht verkitscht, sondern in seiner ganzen Tiefe und Breite dargestellt wird.

Ausstellung und Katalog

Die Ausstellung Über Leben am Land imKunst Haus Wien ist noch bis 25. August 2019 zu sehen. Zur Ausstellung ist ein gleichnamiger Katalog erschienen. https://www.kunsthauswien.com/de/ausstellungen/uber-leben-am-land/

Am 5. Juni findet das Podiumsgespräch „Stadt-Land-Beziehungen“ statt.

über_Land

Der Blog über_Land beschäftigt sich mit innovativer Landwirtschaft in der Stadt und auf dem Land. Themen wie Urban Farming, Vertical Farming, Aquaponic stehen genauso im Vordergrund, wie innovative Landwirte, die mit ihren Betrieben neue Wege der Lebensmittelproduktion einschlagen. Der Blog ist seit 2011 online. Gründerin und Herausgeberin ist Barbara Kanzian. Erfahren Sie mehr über sie auf ihrer Unternehmens-Website.

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